Aktuelles TSV 1869 Herleshausen e.V.

Fr 20.01.2006 06:41 - Aus dem Dorf: 50 Jahre Spätheimkehrer
Am vergangenen Sonntag erinnerte sich die Herleshäuser Bevölkerung an die Geschehnisse von vor 50 Jahren, als die Spätheimkehrer auf dem Bahnhof des Werradorfs eintrafen. Der Werratalverein und das Deutsche Rote Kreuz veranstalteten mit Unterstützung der Kirchengemeinden und anderen örtlichen Gruppierungen aus diesem Anlass eine äußerst gelungene Erinnerungsfeier.

Ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos steht heute bei EisenachOnline.

An dieser Stelle veröffentlichen wir die wesentlichen Teile der beiden Reden, die im Bahnhofsgebäude gehalten wurden:

Marion Bauer, 1. Vorsitzende des Werratalvereins Südringgau

Vergessen kann ich nicht, vergeben kann ich nicht, hassen will ich nicht.

Dies sind Worte eines Spätheimkehrers, die er in seinem Buch "Gefesseltes Leben im Schatten" niederschrieb.

Und auch wir wollen sie nicht vergessen, die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Sie bedeutete für viele noch lange nicht das Ende des Leidens. Denn obwohl nach alliierten Beschluss bis 1949 alle ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus der Gefangenschaft zu entlassen waren, hielt die Sowjetunion Mitte 1955 immer noch weit über Zehntausend Wehrmachtsangehörige, Zivilgefangene und sog. Hilfswillige Frauen, Männer, und auch Kinder in ihren Lagern fest.
In zähen Verhandlungen erreichte Bundeskanzler Adenauer die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen. Am 12.10.1955 brachte Lokführer Kurt Walter aus Erfurt den ersten von 32 Zügen mit Heimkehrern nach Herleshausen.
Ich darf heute ganz herzlich seinen Sohn Günter Walter mit Frau aus Gotha begrüßen. Er hat die Erlebnisse seines Vaters niedergeschrieben und ich freue mich, dass er den Weg zu uns gefunden hat. Ebenso begrüße ich Herrn Otto Maier ehemaliger Direktor des Bahnhofs Eisenach und Herrn Klippstein vom Bahnhofmanagement Eisenach. Er hat die Zustimmung gegeben, dass wir unsere Gedenkveranstaltung hier im Bahnhof beginnen dürfen.

"Wir grüßen die Heimat" war auf vielen der Waggons zu lesen.

Welche Gedanken beschäftigten die Ankommenden als sie durch das Bahnhofsgebäude nach draußen traten? Was würde sie in der Heimat erwarten, die sie mehr als 10 Jahre nicht gesehen hatten. Zunächst einmal erwartete sie ein freundlicher Empfang, denn Herleshausen war für diese Zeit in das Rampenlicht der Welt gerückt. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen viele bunt gekleidete Menschen. Ihre Gesichter strahlten Freude aus, viele liebe Hände wurden gereicht und herzliche Worte gesprochen.
Hessens Ministerpräsident Dr. Georg August Zinn ließ es sich nicht nehmen beim Empfang der Heimkehrer dabei zu sein sowie eine Abordnung des auswärtigen Amtes. Sie waren im Hotel St. Georg untergebracht, um immer schnell vor Ort zu sein, wenn ein Zug angekündigt wurde. Selbstverständlich waren auch der Pfarrer und der Bürgermeister mit freundlichen Grußworten vor Ort. Schulkinder und die Herleshäuser Feuerwehrkapelle, den Einheimischen besser bekannt als "Kapelle Krach", begrüßte sie mit Liedern. Das Rote Kreuz überreichte jedem ein Willkommenssträuschen, belegte Brote und Tee. Aber trotz des Freudentaumels mischte sich auch Trauer, Wehmut und Hoffnung unter die Menschen. Viele Frauen und Kinder trugen Tafeln und Plakate mit den Namen ihrer vermissten Angehörigen. Frauen suchten ihre Männer, Mütter ihre Söhne, Kinder ihre Väter, Schwestern ihre Brüder, doch nur selten konnte ein Schiksal aufgeklärt werden. Diese Bilder gingen um die Welt und wurden in vielen Zeitungen veröffentlicht.

Heute darf ich zwar nicht den Ministerpräsidenten begrüßen, freue mich aber sehr, dass Herr Wilfried Wetterau als Vertreter des Kreises den Weg zu uns gefunden hat, ebenso begrüße ich ganz herzlich den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Herleshausen, Herrn Helmut Nölker. Sie werden am Gedenkstein zu uns sprechen. Begrüßen darf ich auch Helga Gogler, die Bereitschaftsleiterin des Roten Kreuzes, sowie alle Vertreter der Medien.
Die musikalische Umrahmung hat wie eingangs schon gehört der Posaunenchor Herleshausen übernommen.

Diese Ereignisse liegen nun schon fünfzig Jahre zurück und sie gehören zur Geschichte von Herleshausen, so wie die Heimkehrer die schon von 1953 bis 1955 mit den Zügen am Bahnhof Wartha ankamen und von dort zu Fuß oder mit Bussen durch die Grenzkontrollstelle den Schritt in die Freiheit taten.
Geschichte, die nie in Vergessenheit geraden darf. Sicherlich verblasst sie, gerade weil die, die sie erlebt haben bald nicht mehr da sein werden. Wir wollen sie aber mit dem heutigen Tag wieder in Erinnerung rufen, manches von Zeitzeugen erfahren und für die kommende Zeit bewahren. Deshalb ist es schön dass ich heute auch junge Menschen unter uns begrüßen darf. Schüler aus der Südringgauschule Herleshausen und Jugendliche aus unserem Ort haben den Weg zum Bahnhof gemacht und wollen diese Gedenkfeier mit uns erleben. Ein Schritt in die richtige Richtung, ebenso wie der Gedanke, hier am Bahnhof eine Gedenktafel anzubringen, um immer daran zu erinnern, was hier vor fünfzig Jahren geschah.

"Vergessen kann ich nicht", soll für uns auch weiter das Ziel sein, damit niemals wieder so schrecklich Ereignisse eintreten, die dazu beitragen, dass Menschen so viel Grausames erleben müssen.



Helga Gogler, Bereitschaftsleiterin DRK Herleshausen

"16. Dezember 1955: Die Endstation heißt Herleshausen. ... Frei, frei, wir sind frei! ... Diesen Moment, tausendmal geträumt, tausendmal hatte ich mir diese Stunde vorgestellt, jahrelang sehnlichst herbeigewünscht. Jetzt ist der Moment da, der Traum, der Wunsch ist Wirklichkeit geworden. 4.169 Tage, 594 Wochen, 137 Monate, 11 ½ Jahre lang - gefüllt mit Qualen, Hunger, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung liegen hinter mir!
Mehr als ein Drittel meines Lebens.
Die Ketten sind von mir gefallen, ich konnte aussteigen aus dem Sumpf, der Herz und Seele Jahre umklammerte. Meine ‚Odyssee in Rot’ fand mit der namentlichen Übergabe an deutsche Regierungsbeamte hier in Herleshausen ihren Abschluss."


... so schreibt Werner Minkenberg in seinen Erinnerungen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein herzliches Dankeschön an jeden einzelnen für sein "Hier-Sein"!
... zeigt es uns doch, wie wichtig dieses Ereignis in unserer Dorfgeschichte war und immer noch ist.

Wir meinen, es ist notwendig, dass wir die Erinnerung an das Erlebte an unsere Nachkommen weitergeben müssen, um es nicht zu vergessen, um es lebendig zu halten. Das kann nur geschehen, wenn man sich damit auseinander setzt, wenn man darüber spricht.

Auch ich müsste darüber reden können, denn auch ich war dabei, als die Heimkehrerzüge hier am Bahnhof Herleshausen ankamen. ... allerdings sicher und wohlbehalten auf dem Arm meiner Mutter. Und wenn ich später immer mal wieder nach Krieg und den dazugehörigen Ereignissen oder persönlichen Erlebnissen fragte, bekam ich von meinen Eltern abweisende Antworten: "Jetzt nicht!" -"Das verstehst du sowieso nicht!" oder "Ich will jetzt nicht darüber sprechen!" Sicher haben viele so gedacht. Doch für uns, die wir den Krieg Gott sei Dank nicht erleben mussten, ist es ganz wichtig, etwas von dem Erlebten zu hören - auch wenn es in den allermeisten Fällen negativ ist - nur so können wir versuchen, das Verhalten unserer Eltern und Großeltern zu verstehen und nachzuvollziehen. ...

Deshalb lassen Sie uns mit diesem Tag für uns und unseren Ort ein Zeichen setzen!

Ich möchte hier an dieser Stelle als Vertreterin des Deutschen Roten Kreuzes Ortsverein Herleshausen DANKE sagen, Danke an alle, die in dieser Zeit so unendlich viel für die Spätheimkehrer getan haben, auch wenn viele, die es betrifft, diesen Dank leider nicht mehr entgegen nehmen können!
Vielleicht verdeutlichen einige Sätze der damaligen Rotkreuzleiterin Ingeborg Riebe das Unglaubliche, was geleistet wurde. Zur Information: die ersten Heimkehrertransporte kamen bereits 1953, damals allerdings bis an die ehemalige Grenzabfertigungsstelle (etwa 2 km von hier entfernt).
Frau Riebe schreibt: "Eines Tages, etwa im September 1953 gingen viele Schulkinder nachmittags zur Grenze. Als ich fragte, was los sei, sagten sie: Wir singen - es kommen Soldaten aus Russland. Aber niemand wusste Genaues, um 3 Uhr sollten sie kommen. Nun fuhr ich schnell mit dem Rad zur Grenze und sah eine Rotkreuzhelferin, die nicht zu uns gehörte. Ich stellte mich ihr vor und erfuhr, dass sie zur Lagerleitung Friedland gehörte. Sie brachte mich zum Lagerleiter, dem ich unsere, das heißt die Rotkreuz-Hilfe anbot. Er zweifelte, für so viele etwas so schnell auf die Beine zu bringen, aber ich versprach, es zu schaffen. Telefonisch bestellte ich zu Hause Alarm bei allen Nachbarn (das musste dann persönlich von Haus zu Haus geschehen): Wasser in großen Töpfen aufstellen, Kakao besorgen, Milch käme vom Gut und so waren in kurzer Zeit viele Kannen Kakao bereit. Die Zollbeamten halfen, ihn heiß zu stellen. ... Unsere Rotkreuzbereitschaft begann im Ort zu sammeln. Wir schickten Kinder mit Waschkörben von Haus zu Haus und baten um je eine Schnitte Brot oder um Kuchen. Die Kinder kamen reich beladen an, auch Becher wurden gespendet und nun ging alles an die Grenze, mitgenommen von einigen Bauern oder von den Helferinnen hingetragen. Einige Klapptische wurden aufgestellt, von einer Wirtschaft geliehen, mit Decken und Blumen geschmückt. ... es wurde Nacht." (soweit aus ihren Aufzeichnungen)

Um drei Uhr nachts kam der erste Transport von insgesamt 60 ...
27 Transporte mit 9.683 Menschen wurden auf dem freien Feld an der Grenze empfangen, knapp 8000 Menschen kamen Dank des Einsatzes von Dr. Konrad Adenauer zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 am Bahnhof Herleshausen an.
Dazu ein kleiner Absatz aus den Erinnerungen von Pfarrer Rudolf Maares, der in dieser Zeit seine erste Pfarrstelle in Herleshausen antrat:
" ... wie schon gesagt, die Transporte kamen in unregelmäßigen Abständen und zu jeder Tageszeit, offenbar machten sich die Russen einen Spaß daraus, uns zu überraschen. Wir halfen uns, indem wir die Sirene ertönen ließen, dies war das Zeichen dafür, dass wieder ein Transport angekommen war. Dann strömten die Menschen zum Bahnhof, dann sammelten sich alle Helfer dort; sie konnten uns nicht überraschen. Dann stieg die Familie unseres Schusters, die die Glocke läutete, auf den Kirchturm empor und wartete geduldig so lange, bis sich die Omnibusse in Bewegung setzten. Dann begannen sie mit dem Geläut der Glocken, und dieses Geläut setzte sich von Dorf zu Dorf, durch die die Heimkehrer kamen, bis nach Friedland fort."

Doch nicht nur Freude herrschte über die zahlreich Heimgekehrten, für viele war es auch Angst und banges Hoffen:
Hier in Herleshausen hatten sich hunderte von Menschen aus ganz Westdeutschland eingefunden, um von den Soldaten vielleicht etwas über den Ehemann, den Bruder, den Sohn oder den Vater zu erfahren. Diese Menschen hielten die Suchschilder hoch in der Hoffnung, dass einer der Heimkehrer über den Verbleib der Vermissten Auskunft geben könnte. Viele wurden enttäuscht - viele Hoffnungen wurden vielleicht schon hier in Herleshausen begraben. ...
Und doch möchte ich auch an dieser Stelle Dank sagen - DANKE an den Verband der Heimkehrer, an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, an den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge und an alle Institutionen, die geholfen haben und bis heute noch helfen (6o Jahre nach Kriegsende) Schicksale aufzuklären.

Wir, die wir jetzt leben, sollten und müssen uns den Spruch auf dem Gedenkstein für die Heimkehrer zu Herzen nehmen:

"Die Freiheit zu wahren ..." und ich ergänze es ... "die Freiheit und den Frieden zu wahren, verpflichtet uns - nicht nur die, die hier den ersten Schritt in die Freiheit taten - sondern uns alle. » mehr . . .

Zurück . . .